Die Weisen aus dem Morgenland, von im Neuen Testament (NT) im zweiten Kapitel des Matthäusevangeliums (Mt 2,1-12), gehören zu den biblischen Personen, die nach ihrer Erwähnung im NT in der altkirchlichen Tradition, viele weitere Attribute zugeeignet bekamen. Aus den Weisen (im altgriechischen Text des Matthäusevangelium wörtlich Μάγοι – Magier) wurden Könige. Aus einer unbekannten Anzahl von „Weisen“ wurden im Laufe der ersten Jahrhunderte nach Christus in der kirlichen Tradtition „drei Könige“, was wahrscheinlich daher rührt, dass sie dem Jesuskind drei verschiedene Geschenke brachten: Gold, Weihrauch und Myrrhe. All diese Zuschreibungen entstammen einer Legendenbildung, die erst im späten 3. Jh. begann. Die in der Westkirche (Römisch-Katholische Kirche) verbreiteten Namen Caspar, Melchior und Balthasar werden erstmals im 6. Jh. erwähnt.

Der Schreiber aber des Matthäusevangeliums lässt die Identität der Weisen im Dunkeln, vielleicht auch, um eine Fixierung auf Menschen, wie sie mittels diverser Legenden dann doch geschehen ist, vorzubeugen. Denn die Bibel präsentiert keine Religion, in der Menschen angebetet werden, oder in der es einen Hauptgott gibt mit Nebengöttern, Halbgöttern oder Zwischenwesen, wie bpsw. in der griechisch-römischen. Dort ist Zeus/Jupiter zwar der Göttervater, aber er ist nur einer unter vielen. Neben ihm gibt es weitere Götter, Halbgötter, Dämonen (von altgriechisch: δαίμων – daímōn, die anders als in der Bibel nicht grundsätzlich böse waren) und andere Zwischenwesen wie die Laren. Sie alle waren für verschiedene Bereiche des menschlichen Lebens zuständig und wurden dementsprechend im Gebet angerufen; vor ihren Bildnissen wurde ihnen geopfert, gedankt, gehuldigt.

In manchen Kirchen scheint es nicht viel anders: Es gibt die trinitarische Gottheit sowie die Mutter Gottes und zahlreiche Heilige, von denen man sich Hilfe in vielen Situationen des Lebens erhofft, vor deren Bildern man betet und deren Hilfe man erfleht. Wenn man sich nun das Konzept der Heiligen (einschließlich Marias) anschaut, das schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche aufkam, wo besonders fromme Menschen oder Märtyrer in der christlichen Kirche zunehmend Verehrung genossen, ihre Bilder geküsst und kniefällig angebetet wurden, so scheint es, dass es sich nicht so sehr von der griechisch-römischen Religion unterscheidet. Der Kunsthistoriker Hans Belting schreibt in seinem Standardwerk „Bild und Kult“ zur Entwicklung der Heiligen- und Marienverehrung im Römischen Reich, nachdem das Christentum im 4. Jh. zur Staatsreligion erhoben und heidnische Kulte sukzessive zurückgedrängt wurden, u.a. folgendes:

„Die Christen verloren viele Nothelfer, als der christliche Staat die Tempel und Flurheiligtümer von Äskulap und Isis schloss. Die Idee einer Religion, deren gedankliche Bilder die Theologen lieben, bedeuten ihnen weniger als die Nothilfe in persönlichen Anliegen. Hier trat die neue, universale Mutterfigur Marias ein vielfaches Erbe an. Als das Pantheon 609 zur Kirche Marias und aller Märtyrer geweiht wurde, erhielt es ein „Tempelbild“ der neuen Patronin, dessen vergoldete Hand die Aura der alten Heilhand Äskulaps beschwört.“[1] „Auf einer volkstümlichen Ebene religiöser Praxis war aber der Bedarf nach einem Ersatz für die entzogenen Kultbilder, von denen man sich Hilfe erbat, dringend.“[2] Und seit dem Konzil zu Ephesus (431 n. Chr.), das Maria offiziell den Titel der Gottesgebärerin zuerkannt hatte, eine Formel, „die von der Mehrheit akzeptiert wurde“[3],  „konnte die Figur mit all den Stereotypen einer universalen Mutter ausgestattet werden, die von den Muttergottheiten bekannt waren. […] Die Theologen erlegten sich ‚keine Beschränkungen‘ mehr auf, Maria nahezu ‚göttliche Ehren zuzusprechen‘, und setzten Metaphern aus den Texten über die Muttergottheiten ein, um ihr ein bekanntes Profil zu geben, ja begünstigten die Feier neuer Marienfeste an den Festtagen der Göttermutter.“[4]

Augustinus (354-430) berichtete davon, dass vielen ehemaligen Heiden, als Zugeständnis dafür, dass sie die Feste zu Ehren ihrer Götter bei einer Mitgliedschaft in der Kirche nicht abhalten könnten, von Augustinus‘ Vorgängern das Abhalten von Festlichkeiten zu Ehren der Märtyrer an deren Gräbern erlaubt wurde. Augustinus bringt sein Missfallen darüber zum Ausdruck, meint, dass so mit den Heiden heidnische Bräuche in die Kirche eingedrungen sind, Christen aber anfangen müssten gemäß dem Willen Jesu zu leben.[5] Das Ganze hat sich in den 390ern zugetragen und Peter Brown schreibt in „Cult of the saints“, dass auch Ambrosius von Mailand (340-397) in den 380ern damit zu tun hatte.[6] An anderer Stelle schreibt Augustinus über die Wunder, die an den Gräbern der Heiligen geschehen sind. „Denn auch jetzt noch geschehen Wunder im Namen Christi, sei es durch seine Sakramente oder durch die Gebete und Reliquien seiner Heiligen.“[7] Hieronymus (gest. 420) wiederum ereifert sich über den Priester Vigilantius, der die Verehrung und Anbetung von geweihten Gegenständen, Reliquien oder der Heiligen kritisiert. Dieser meint, dass „unter dem Vorwande der Gottesverehrung beinahe heidnische Gebräuche in die Kirche eingeführt werden“.[8] Hier wird u.a. sichtbar, dass die Grenzlinie dieses Konflikt nicht klar trennbar zwischen Theologen und theologisch „ungebildeten“ Laiengliedern verlief, sondern sich teilweise mitten durch den Klerus zog. Die Initiative zur Entwicklung gewisser heidnischer Anschauungen und Verhaltensweisen ging u.a. auch vonseiten geistlicher Leiter aus.[9]

Aber eine Verehrung von Menschen oder anderen Wesen außer der Gottheit wird sowohl im NT als auch im AT nicht gutgeheißen. Dort werden zwar die himmlischen Engel erwähnt, die gemäß der Bibel als Boten (altgriech. ἄγγελος – ángelos: „Bote“, „Abgesandter“) Gottes agieren. Sie besitzen jedoch keinerlei Anrecht auf Anbetung und Verehrung. Sie sind »dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit«. (Heb 1,14). Die Dämonen sind gemäß dem NT Handlanger Satans, böse gefallene Engel, die den Menschen Schaden zuzufügen trachten.
Anspruch auf Anbetung hat in der Bibel allein Gott, bzw. die trinitarische Gottheit, bestehend aus Vater, Sohn, Heiligem Geist. Jesus negiert jeden Anspruch anderer Wesen oder Personen (und damit auch Marias und der Heiligen) auf Anbetung, wenn er in Mt 4, 10 sagt (wobei er 5 Mo 6,13 zitiert): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« (Mt 4,10)

Tina Eißner


Fußnoten

[1] Belting, Hans: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München 2011, S. 16

[2] Belting, Bild und Kult, 44.

[3] Ebd., 46.

[4] Ebd.

[5] Augustinus: Epistulae Lettres de Saint Augustin (BKV), Lettres 1-30, Lettre 29,9.

[6] Brown, Peter: The Cult of the Saints. Chicago 1981, 26.

[7] Augustinus: De Civitate Die. Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat (BKV), 22,8; Brown, Cult, 28.

[8] Hieronymus, Contra Vigilantium Gegen Vigilantius (BKV), 4; Brown, Cult, 26ff.

[9] Dazu siehe auch Brown, The Cult of the Saints, XVI-XVII, XXI, 26ff.


Quellen

Augustinus von Hippo: Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat, in: Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat. Übers. v. Alfred Schröder. (Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Schriften 1-3, Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 01, 16, 28) https://bkv.unifr.ch/works/9/versions/20/divisions/102266 (letzter Zugriff: 27.6.2021).

Augustinus von Hippo: Lettres de saint Augustin. Übers. v. Jean-Joseph-François Poujoulat, in: Œuvres complètes de Saint Augustin. Übers. unter der Leitung v. Jean-Joseph-François Poujoulat u. Jean-Baptiste Raulx, 3 Bde. Bar-Le-Duc 1864, 3 Bde. Zit. nach: https://bkv.unifr.ch/works/376/versions/559/divisions (letzter Zugriff: 27.6.2021).

Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, 2016 Stuttgart.

Hieronymus: Gegen Vigilantius, in: Des heiligen Kirchenvaters Eusebius Hieronymus ausgewählte Schriften. Bd. 1. Übers. v. Ludwig Schade (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 15). https://bkv.unifr.ch/works/62/versions/75/divisions/46069 (letzter Zugriff: 27.6.2021).

Literatur

Belting, Hans: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München 2011 (1. Aufl. 1990).

Brown, Peter: The cult of the saints. Chicago 1981.